IERS UND DIE WELTZEIT

31. Dezember 2008

Das Jahr 2008. Seine 365 Tage sind gezählt. Seine Zeit läuft ab. Ganze 525.948,766 Minuten oder 31.556.926 Sekunden ist es alt geworden. Reicht, sollte man meinen. Künstlich am Leben gehalten soll es werden. In die Länge gezogen. Der Countdown in der ARD wird um 23:59:59 Uhr stehen bleiben. Schlimme Sache. Viele werden verdutzt die Zahlen in der oberen rechten Ecke ihres Fernsehers beobachten. Was wird passieren? Nicht viel. Wahrscheinlich recht gut bezahlte, überdurchschnittlich intelligente Mitarbeiter des „Internationalen Erd-Rotations-Service“ (IERS) haben dies beschlossen. Die gute Stimmung, kurz bevor ein neues Jahr, regiert von der Finanzkrise, anbricht, muss gehalten werden. Nur merken darf dies niemand. Niemand soll sich wundern. Für zwei Sekunden ist es 23:59:59. 2008 wird 31.556.927 Sekunden andauern. Ich genieße diese Extrazeit. Nur kurz. Dann schlafe ich ein.

Die holprige Fahrt durch eine Achterbahn voller Buchstaben und holpriger Sätze: zuende. Für den Moment. Für das Jahr 2008. Ich verneige mich. Die Menschen betreten eine neue, noch aufgeräumte Wohnung in einem schicken Neubauviertel. Stolz trägt sie die Hausnummer 2009 an ihrer Fassade. Lange wird es sich nicht halten. Bis die ersten Umzugskartons in der neuen Wohnung angekommen sind. Die selben Portraits werden die Wände zieren. Das selbe abgenutzte Sofa, am Fernseher ausgerichtet, steht dann im Wohnzimmer. Die selben Menschen werden ihre übliche Position auf diesem Sofa einnehmen. Voller Vorfreude drücken sie den roten Knopf auf ihrer Fernbedienung. Das Spiel beginnt von vorn.